"Nicht die Jugend muss der Politik gerecht werden, sondern wir müssen mit unserer Politik der Jugend gerecht werden."

Im Gespräch mit ...

... Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Foto: Bundesregierung/Denzel
Foto: Bundesregierung/Denzel

"Jugendliche, die aus unserem Rahmen fallen" - zum Thema der aktuellen Ausgabe der DREIZEHN haben wir mit Bundesjugendministerin Manuela Schwesig gesprochen. Das Interview finden Sie hier exklusiv:
  • DREIZEHN:

    Sehr geehrte Frau Bundesministerin, welche Bedeutung nimmt das Thema "Jugend" für das BMFSFJ bzw. die Bundesregierung ein und was bedeutet es, wenn die Zahl der Jugendlichen in einer alternden Gesellschaft immer weiter zurückgeht?

  • Bundesministerin Manuela Schwesig:

    Wir müssen Jugendliche ernst nehmen und ihnen konkrete Angebote machen, die Zukunft unserer Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Dass es immer mehr ältere Menschen gibt, bedeutet ja nicht, dass die Angebote für junge Menschen weniger wichtig wären. Ganz im Gegenteil: Jugendliche sind nicht das Problem, sondern die Lösung, weil sie die Zukunft sind. Ich bin der Meinung, dass die Interessen junger Menschen bisher viel zu kurz kommen. Es gibt Familienpolitik, Gleichstellungspolitik, Kinderpolitik, aber bisher gab es keine sichtbare Eigenständige Jugendpolitik. Das wollen wir jetzt mit unserer neuen Jugendstrategie ändern. Politik muss jugendgerechter werden. Seit der neuen Legislaturperiode ist kein jugendpolitisches Projekt, keine jugendpolitische Maßnahme ohne Beteiligung von Jugendlichen gemacht worden. Kinder und Jugendliche sollen bei allen Fragen, die sie etwas angehen, auch mitentscheiden können. Man kann nicht einfach über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Es ist wichtig, sie direkt nach ihrer Meinung und ihren Vorstellungen zu fragen und diese dann auch ernsthaft in den weiteren politischen Prozess miteinzubinden. Es braucht echte Partizipation der Jugendlichen.

    Ich will junge Menschen unterstützen und ermutigen, sich einzumischen und ihre Interessen zu vertreten. Es geht dabei nicht nur darum, was Politik macht, sondern auch darum, wie Politik gemacht wird. Mit der neuen Arbeitsgemeinschaft "Jugend gestaltet Zukunft" wird z. B. erstmals die junge Generation in der Demografiestrategie der Bundesregierung vertreten sein. Ich fand es nämlich sehr befremdlich, dass es in der letzten Legislatur tatsächlich neun Arbeitsgruppen gab, jedoch ohne eine AG Jugend – denn Jugend gehört doch zur Demografie dazu. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass wir eine zehnte Arbeitsgruppe gründen, um den Jugendlichen eine Stimme zu geben.

  • DREIZEHN:

    Schule, Abi, Ausbildung oder Studium, zwischendurch verschiedene Auslandsaufenthalte – Zeiträume werden enger, Leistungsdruck und Bildungsanforderungen steigen. Dabei bleiben häufig zu wenige Freiräume, die Kindheits- und Jugendphase bleibt als Entwicklungs- und Findungsphase möglicherweise auf der Strecke. Was können Sie Jugendlichen sagen, die da nicht mithalten können oder die trotz eines erfolgreichen Hauptschulabschlusses einfach abgehängt werden, sich chancenlos fühlen?

  • Schwesig:

    Es ist wichtig, dass dieser Alltagsdruck, unter dem Jugendliche stehen, zur Sprache kommt. Immer mehr Jugendliche haben kaum Zeit für Hobbies, aber dafür Druck von morgens bis abends. Jugendliche und junge Erwachsene brauchen unbedingt Freiräume. Warum sollten eigentlich Jugendliche weniger Freiräume haben, als wir es uns im Erwachsenenarbeitsalltag wünschen? Zeit für sich, Zeit, in der man machen kann, was man will, Zeit auch für Langeweile. "Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft" heißt deshalb auch, für diese Freiräume zu kämpfen. Ganztagsschulen sind aus vielen Gründen gut – hier muss es aber auch um die Gestaltung des Tags und der nötigen Freiräume gehen. Viele Familien und Jugendliche erleben die verkürzte Schulzeit mit dem Abitur nach acht Jahren als Stress. All diese Fragen sind nicht beantwortet, aber sie müssen offen diskutiert und ernst genommen werden. Eine jugendgerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Jugendliche auch Zeit für ihre Jugend haben.

    Mein Eindruck ist, dass auch immer mehr Arbeitgeber feststellen, dass Zeugnisse und Lebensläufe nicht alleine etwas über die Fähigkeiten der Bewerber/-innen aussagen. Oft sind auch die Sozialkompetenzen wichtig, wie man sich einbringt. Ob man ins Team passt, sich für die Arbeit wirklich interessiert und Engagement zeigt. Ich möchte Arbeitgeber ausdrücklich dazu ermuntern, jungen Menschen die Chance zu geben, sich zu beweisen.

  • DREIZEHN:

    Vielfalt, Partizipation und Inklusion sowie die Stärkung der Rechte von (allen) Kindern und Jugendlichen sind die großen Herausforderungen der Jugendhilfe – glauben Sie, dass es dafür mit einem reformierten Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) zukünftig eine "Große Lösung" geben wird, auch wenn in den Kommunen schon jetzt viele Leistungen gerade für Jugendliche (Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Hilfen für junge Erwachsene) kaum noch finanziert werden (können)?

  • Schwesig:

    Vom Kind und Jugendlichen aus denken: Das ist das Leitbild unserer Reform der Kinder- und Jugendhilfe. Sie vereint alle Kinder und Jugendlichen unter ihrem Dach. Mir geht es dabei um eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe, in der Vielfalt normal ist. Eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe ist auch eine zukunftsfähige Kinder- und Jugendhilfe. Denn sie kann das leisten, was Kinder und Jugendliche von heute brauchen. Dazu will ich niedrigschwellige Angebote im Sozialraum stärken. Mit solchen Angeboten, zu denen auch Angebote der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit gehören, erreichen wir die Kinder und Jugendlichen frühzeitig, direkt und ohne große bürokratische Hürden. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass das Jugendamt dort, wo es notwendig ist, intensiv und wirkungsvoll Kinder, Jugendliche und ihre Eltern unterstützt und das Kindeswohl sichert. Es wird uns aber nur gelingen, wenn wir dabei auch die Partnerschaft mit der freien Jugendhilfe stärken mit dem gemeinsamen Ziel, die Qualität der Angebote voranzubringen.

  • DREIZEHN:

    Kein Kind, kein Jugendlicher soll verloren gehen – aber dennoch werden zahlreiche junge Menschen nicht erreicht, leben als Straßenkinder oder als junge Erwachsene "aussanktioniert" in prekären Situationen am Rand der Gesellschaft. Viele bleiben langfristig ohne Schulabschluss, über 10 % auch langfristig ohne berufliche Qualifizierung. Welche Handlungsbedarfe bzw. Möglichkeiten sehen Sie hier für die verschiedenen Ebenen und Akteure im Rahmen der Jugendstrategie 2015-2018?

  • Schwesig:

    Wir müssen uns darum kümmern, dass diese Kinder und Jugendlichen einen Ausweg finden und Halt bekommen. Und wir müssen uns dafür einsetzen, dass junge Menschen erst gar nicht in eine solche Notlage geraten. Kein Kind, kein Jugendlicher soll sagen müssen: Ich wusste nicht wohin. Viele Mitarbeiter/-innen der Jugendhilfe kümmern sich bereits sehr engagiert und geben ihr Bestes, um die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen. Die Jugendhilfe ist in Bewegung – Veränderungen gehen aber nicht von heute auf morgen.

    Ich arbeite bereits gemeinsam mit den Ländern und Kommunen an den Problemen und Missständen. Ich finde es richtig, dass die Straßenkinder mit der Ständigen Vertretung ein Forum geschaffen haben, um sich über ihre Interessen zu verständigen und diese öffentlich zu vertreten. Deswegen habe ich auch sehr gerne die Schirmherrschaft für die Konferenz der Straßenkinder übernommen. Hier geht es auch darum, die Situation und die Probleme der Jugendlichen für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die Politik hatte die Straßenkinder lange nicht auf dem Schirm, aber das wollen wir jetzt ändern.

    Deswegen habe ich auch auf der Jugend- und Familienministerkonferenz im Mai dieses Jahres den Ländern den Forderungskatalog der Straßenkinder überreicht. Da nämlich die Länder bzw. die Kommunen für die Finanzierung und Umsetzung der Jugendhilfeangebote zuständig sind, sind sie hier die zentralen Ansprechpartner. Klar ist aber: Wir müssen gemeinsam Lösungen finden! Ich kann verstehen, dass ein junger Mensch resigniert, wenn er sich in einer Notsituation erst einmal an verschiedenste Stellen wenden muss, um Hilfe zu bekommen. Benachteiligten jungen Menschen kann viel schneller und effektiver geholfen werden, wenn alle beteiligten Hilfeeinrichtungen Hand in Hand arbeiten. Jeder junge Mensch, der Hilfe braucht und möchte, muss diese auch bekommen.

  • DREIZEHN:

    In welcher Form werden sozial benachteiligte, individuell beeinträchtige und chancenarme Jugendliche in den Prozess der Jugendstrategie selber einbezogen und ihre Bedarfe und Lebenslagen berücksichtigt?

  • Schwesig:

    Die Kommunen und Regionen spielen hier eine wichtige Rolle, weil sie am nächsten an der Jugend dran sind. Man kann keine Jugendpolitik nur vom Ministertisch in Berlin aus machen. Es geht ganz konkret um den Alltag der jungen Leute in unseren Städten und in unseren Dörfern, und der ist ja auch ganz unterschiedlich. Jugendliche machen mit, wenn sie den Eindruck haben: "Das hat was mit mir zu tun, das geht mich etwas an." Und das passiert eben häufig direkt im Lebensumfeld. Gleichzeitig ist aber eben auch die bundesweite Vernetzung und Koordinierung der Arbeit vor Ort wichtig. Damit dies gelingt, haben wir im Zuge der Jugendstrategie die Koordinierungsstelle "Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft" eingerichtet.

    Und mit unserem neuen Modellprogramm "JUGEND STÄRKEN im Quartier", das wir seit Januar dieses Jahres gemeinsam mit dem Bundesbauministerium in rund 180 Kommunen bundesweit fördern, wollen wir die Zusammenarbeit von Jugendhilfeträgern, Jobcentern, Agenturen für Arbeit, Schulen, Quartiersmanagement und Kooperationspartnern vor Ort verbessern. Die Modellkommunen schaffen sozialpädagogische Beratungs- und Begleitangebote für junge Menschen, die besondere Unterstützung am Übergang von der Schule in den Beruf brauchen und von anderen Angeboten der Arbeitsförderung nicht mehr erreicht werden. Hiervon können auch obdachlose junge Menschen ebenso wie zum Beispiel junge Flüchtlinge profitieren. Es geht darum, den Blick auf ihre Stärken und Interessen zu lenken und diese zu fördern.

  • DREIZEHN:

    Fast jedes dritte Kind (in den Städten) hat einen "Migrationshintergrund" – viele junge Migranten/-innen fühlen sich nicht anerkannt, überdurchschnittlich oft bleiben sie ohne abgeschlossene Ausbildung, viele junge Flüchtlinge haben sehr unsichere Perspektiven – was hat jugendgerechte Politik mit Einwanderungspolitik, Anerkennung und Integration zu tun?

  • Schwesig:

    Es ist mir wichtig, jedem Kind, unabhängig von der Herkunft, hier in Deutschland eine Chance zu geben. Das gelingt am besten, wenn wir so früh wie möglich ansetzen. Im Januar 2016 startet daher das Bundesprogramm "Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist", das erfolgreiche Ansätze aus dem Bundesprogramm "Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration" fortsetzen wird. Mit dem Programm fördern wir Angebote sprachlicher Bildung in Kindertageseinrichtungen. Weitere Schwerpunkte sind die inklusive Bildung sowie die Zusammenarbeit mit Familien. Das Programm richtet sich an Kindertageseinrichtungen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung. Das Angebot gilt auch für junge Flüchtlinge. Ihre Integration muss so schnell wie möglich gelingen, dafür ist es zuallererst notwendig, dass sie in Kita und Schule gehen. Die von uns geförderten Jugendmigrationsdienste (JMD) erhalten zusätzliche 7 Millionen Euro, denn ihre Arbeit ist hierbei unverzichtbar. Neben den bereits 430 bundesweit bestehenden JMDs werden wir weitere Standorte mit speziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche schaffen, die als Flüchtlinge zu uns kommen. Sprache, Schule, Ausbildung – das ist der richtige Weg.

    Aber auch am Übergang von der Schule in den Beruf möchten wir junge Menschen mit Migrationshintergrund besonders unterstützen, denn hier werden zentrale Weichen für die Zukunft gestellt. Auch hier leisten die Jugendmigrationsdienste wichtige Hilfe. Sie beraten und begleiten Migrantinnen und Migranten von 12 bis 27 Jahren bei der schulischen, beruflichen, sozialen und sprachlichen Integration. Das beinhaltet auch die Vermittlung zu anderen Diensten und Einrichtungen wie Wohlfahrtsverbänden und örtlichen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Die JMD kooperieren zudem mit verschiedenen Stellen und Personen, die für die Integration relevant sind, darunter vor allem Eltern, Schulen und Betriebe.

    Seit September öffnen JMDs an 24 Standorten im neuen Vorhaben "jmd2start – Beratung für junge Flüchtlinge" ihr Beratungs- und Begleitangebot in einer ersten Modellphase bis 2017 auch für unbegleitete und begleitete junge Flüchtlinge von 12 bis 27 Jahren, die entweder eine Duldung haben oder sich im Asylverfahren befinden. Sie unterstützen sie unter anderem beim Zugang zu Sprachförderangeboten und bei der Aufnahme einer Ausbildung oder Beschäftigung. Für mich ist es wichtig, ein Angebot zu entwickeln und zu erproben, das speziell auf die Bedürfnisse junger Flüchtlinge zugeschnitten ist.

  • DREIZEHN:

    Woran erkennt man in Ihren Augen – sagen wir in fünf Jahren – ein jugendgerechtes Deutschland (oder vielleicht sogar Europa?)?

  • Schwesig:

    Eine jugendgerechte Gesellschaft muss eine Politik für, mit und von Jugendlichen machen. Denn Kinder und Jugendliche haben das Recht, sich zu beteiligen, wenn es sie betrifft. Wir müssen ihnen zuhören und sie einbeziehen, wenn es um die Herausforderungen der Zukunft geht. Eine jugendgerechte Gesellschaft endet aber nicht an nationalen Grenzen, sondern meint immer auch ein jugendgerechtes Europa. Der aktuelle EU-Jugendbericht unterstreicht, dass die Herausforderungen hierfür in den nächsten Jahren gerade in der verbesserten sozialen Inklusion und stärkeren Teilhabe aller jungen Menschen liegen werden, insbesondere auch von denen, die von sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind. Im Rahmen der EU- Jugendstrategie werden Jugendliche deswegen in die Gestaltung europäischer Jugendpolitik einbezogen: um die aktive Beteiligung junger Menschen am demokratischen Leben in Europa zu fördern. Ein gutes Beispiel ist außerdem der Jungendgipfel J7 im Rahmen des G7-Gipfels im letzten Jahr: Die differenzierten und engagierten Diskussionen der Jugendlichen haben deutlich gemacht, dass wir gemeinsam mit den jungen Menschen mehr für eine gerechtere und nachhaltigere Entwicklung tun müssen. Für mich persönlich heißt das: Nicht die Jugend muss der Politik gerecht werden, sondern wir müssen mit unserer Politik der Jugend gerecht werden.



Kontakt

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Redaktion DREIZEHN
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